Störche über Bäretswil

Irgendwann in der Stille der Sommerferien sind sie gekommen. Wer sie gesehen hat, dem hat sich ihr Bild eingeprägt: Wie sie auf dem Kirchturm aufgereiht sind. Wie sie mit ihrem langsamen Segelflug kreisen, mit ausgestrecktem Hals, die Beine nach hinten gestreckt. Wie sie einbeinig auf dem Dachfirst stehen – und furchtlos auf die Zweibeiner hinunterschauen.

Natürlich fürchten sie uns Menschen nicht. Sie sind ja unsere Freunde, «sie dienen allen», wie der polnische Dichter Norwid geschrieben hat. Übrigens erinnern mich Störche auf Dächern an meine sieben Jahre in Polen – dem «Land der Störche».

In meinen noch nicht ganz (aber bald) sieben Jahren in Bäretswil habe ich zum ersten Mal so viele Störche gesehen. Sie müssen sich hier versammelt haben vor ihrer grossen Reise nach Afrika. Von Bäretswil aus gibt es für sie zwei Flugrouten, um südlich der Sahara zu überwintern: Über Spanien und Gibraltar, oder via Balkan und den Nahen Osten – vorallem Israel, wo sie immer zu gewissen Zeiten Halt machen, bevor sie weiterziehen. Deshalb kommen sie auch in der Bibel vor.

Es ist ein faszinierendes Tier. Damit meine ich erstens alles, was die Biologen uns lehren können: Etwa, dass Storchenpaare immer wieder ins gleiche Nest zurückkehren. Oder was für einen erstaunlichen Orientierungssinn die Tiere an den Tag legen, wenn sie auf ihrer Route abdriften. Und vieles mehr.

Aber Biologen allein genügen nicht, um die Realität zu würdigen. Es braucht dazu, zweitens, auch den Künstler und den Dichter – oder das staunende Kind in uns. Ist das schwarzweisse Federkleid mit dem orangen Schnabel nicht einfach stilvoll? Ist der lange Schnabel nicht einfach wohlproportioniert zum Kopf? Wirkt das Gesicht und der Gang des Storchs nicht einfach sympathisch? Weisstörche wirken manchmal ulkig, manchmal überlegen. Alles das ist eine Realität, wenn wir an einen Schöpfergott glauben, keine Einbildung.

Foto: Wild Spirit, Unsplash

Und drittens können wir versuchen zu beschreiben, wie der Storch auf die Seele des Menschen wirkt. In vielen Ländern sehen es die Menschen als gutes Zeichen, wenn eine Storchenfamilie auf ihrem Haus ein Nest baut. Auch wir nüchternen Schweizer freuen uns über die Ehre ihres Besuchs. Man kann diese Gefühle nicht ganz erklären, sie müssen tiefe Wurzeln haben. Wir verzeihen ihnen auch gerne, dass sie auf dem neu renovierten Kirchturm ein paar weisse Flecken hinterlassen.

Seit Jahrtausenden spielt der Storch eine Rolle im Volksglauben. Im alten Ägypten waren sie ein Symbol für die Seele. Auf der ganzen Welt verbreitet ist die Phantasie, der Storch habe etwas mit der Herkunft der Babys zu tun. (Während ich das hier schreibe, warten meine Frau und ich auf die Geburt unseres dritten Kindes.) Hinter dieser Phantasie, die manchmal missbraucht worden sein mag, um Kinder nicht aufzuklären über die Sexualität, steht doch ein religiöses Gefühl, dass der Mensch auf Erden sich selbst ein Geheimnis ist. Immerhin bringt der Storch, ein freundliches Wesen aus einem fernen Land, das Kind, und nicht eine Kröte scheidet es aus.

Aber was sagt dazu die Bibel? Auf Althebräisch heisst der Storch «der fromme Vogel» (chasidah). Gott lobt ihn, da er sich an das Gesetz hält, das Gott in ihn hineingelegt hat – im Gegensatz zum Menschen, der im Widerspruch lebt zu seiner wahren Bestimmung. Gott sagt: «Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten, […] mein Volk aber kennt nicht die Ordnung des HERRN» (Jer 8,7).

Wie kam es dazu, dass die Menschheit nicht mehr in Harmonie lebt? «Sieh, das Wort des HERRN haben sie verachtet» (Jer 8,9). Der Mensch braucht Umkehr unter die Königsherrschaft Gottes, nicht die Tierwelt. Die Tierwelt wurde mit hineingezogen in die Folgen unseres Sündenfalls, seufzt mit und wird einmal mit hineingenommen werden, wenn der Sohn Gottes alles neu machen wird.

Der Storch ist ein Beispiel, wie die Natur nicht stumm ist, sondern spricht. Aber die Bibel spricht deutlicher, sie offenbart uns Geheimnisse, welche ohne sie verwirrend und unklar blieben. Sie offenbart uns, wer wir sind in der Natur, wer Gott ist, und wie wir mit Gott wieder ins Reine kommen.